Die erste Einzeltherapie

Doie erste Nacht war vorbei. An schlafen war nicht zu denken. Da ich um 6.10Uhr zur Blutabnahme und zum Wiegen musste, war ich sowieso schon um 5Uhr unter der Dusche. Die ganze Situation war beengend für mich. Ich kannte niemand und von zu Hause brauchte ich nicht auf Unterstützung hoffen. Ich wusste aber auch nicht, ob ich überhaupt Unterstützung wollte. Mein Mann versuchte die Situation etwas zu verstehen, er hatte aber keine Verständnis dafür. Meine Schwiegermutter dachte ich hätte Burnout, wegen der Arbeit. Ich versuchte in der Vergangenheit ihr zu erklären, dass das nicht so sei, aber verstanden hatte sie es nicht. Naja was mich auch nicht wundert, sie wusste sowieso immer alles und das dann auch besser. Ein paar wenige meiner Freunde wussten Bescheid, dass ich in die Klinik ging. Aber weshalb genau, wussten sie auch nicht. Was hätte ich auch sagen sollen? "Ich gehe in die Klinik, um mich vor mir selbst zu schützen?" oder "In Drucksituationen verletzte ich mich selbst." Wer das nicht selbst erlebt hat, kann dies nicht richtig verstehen und nachempfinden.

Nun, zurück zur Klinik. An meinem ersten Tag nach der Ankunft, stand ein Einzelgespräch mit meiner dort zugewiesenen Psychologin an. Natürlich wusste sie grob, weshalb ich dort war, aber sie wollte es von mir nochmal hören. Ich wartete vor ihrem Zimmer auf sie, bis sie mich holte. Dann folgte ich ihr hinein. Ein richtiges Altbauzimmer. Hohe Decken, Holzboden, große Fenster, das Zimmer an sich sehr karg eingerichtet. Ein kleiner Tisch, Stühle, ein Schreibtisch, eine Liege und das wars schon.

"So, erzählen Sie einfach, was aus Ihrer Vergangenheit." " Was soll ich genau erzählen?" fragte ich verunsichert. "Erzählen Sie, was sie erzählen möchten. Ich zwinge Sie zu nichts." antwortete sie. Sie schaute mich an, als ob sie in meine Gedanken schauen könnte. Es war fast unheimlich. "Wissen Sie, Sie erzählen was sie gerade erzählen möchten und intensiver gehen wir die nächsten Sitzungen darauf ein.", sagte sie. Das klang doch ganz ok.

"Also, ich fange mal ganz von vorne an. Wir waren mal eine kleine Familie. Meine Mama, mein Bruder, mein Va... ähm Erzeuger und ich. Wir lebten alle 4 zusammen. Mein Bruder ist 2 Jahre jünger als ich.", fing ich an. Meine Psychologin, schaute mich an und machte Notizen. Während ich erzählte, atmete sie immer wieder sehr tief ein und aus. "Naja ich erinner mich noch daran, das meine Erzeuger Alkoholiker war. Er war entweder in seiner Stammkneipe, in die ich auch öfter mal mit musste, oder er trank zu Hause sein Bier und Schnaps. Auch das er meine Mutter, -die wehrlos im Rollstuhl saß; öfter schlug, bekam ich mit. Ab und zu versteckte ich mich währenddessen unter unserem Esstisch. Mein Kindergarten war direkt gegenüber. Wenn ich Mittags vom Kindergarten nach Hause kam, wurde ich immer mit dem Gürtel geschlagen. Er öffnete immer seinen Gürtel, zog ihn aus der Hose und schlug mich damit." Während ich erzählte, kullerten mir einige Tränen übers Gesicht. Ich fuhr fort "Mein Bruder bekam davon nicht viel mit, er war ja erst 2. Als ich 4 Jahre alt war, hat sich meine Mama endlich getrennt und wir zogen aus." "Gehen Sie nicht so darauf ein, das ist noch zu viel. Versuchen Sie es oberflächlich zu erzählen." sagte mir meine Psychologin. "Okay. Nun wir lebten dann zu dritt in einer Wohnung, bis meine Mama wieder einen Mann kennen lernte, dieser zog dann bei uns ein. In der Nachbarschaft wohnte ein Mädchen, mit der ich bis heute noch befreundet bin. Wir hatten viel zusammen gemacht. Als ich so circa 5 oder 6 Jahre alt war, erkrankte meine Mama an Lungenkrebs. Sie war wenig zu Hause, sehr viel im Krankenhaus. Aber unsere Großtante passte in dieser Zeit auf uns auf. Wir besuchten Mama sehr oft. Aber als Kind versteht man das alles nicht so, was da passiert. Ich erinner mich an einen Tag. Mama lag im Bett, sie war sehr blass, aber total verschwitzt. Sie hatte ein Waschlappen auf der Stirn und wischte die ganze Zeit den Schweiß weg. Beovor wir aus dem Krankenhaus gegangen sind, wollte sie noch ein Kuss von mir. Ich wollte das nicht, ich fand es eklig. Meine Mama wusste aber, dass das der letzte hätte sein können. Sie rief mir hinterher, -Ich liebe dich mein Schatz-. -Ich dich auch Mami-. Dann verschwand ich im Flur. In dieser Nacht starb sie." Ich konnte nicht mehr sprechen. Ein dicker Kloß machte es mir unmöglich. Die Tränen kullerten, die Szene spielte sich immer wieder in meinem Kopf ab. Ich merkte wie der Druck mir weh zu tun größer wurde. Wie der Hass gegen mich selbst stieg.

Die Psychologin beendete die Sitzung und ich ging auf mein Zimmer. Auf meinem Zimmer angekommen, weingte ich in mein Kissen rein. Ich war so unendlich wütend auf mich. Und immer kam die Frage auf " Wieso habe ich meiner Mama nicht den letzten Wunsch erfüllt? Wieso?"

Ich weinte bitterlich und fing wieder an, mir weh zu tun. Ich stellte mich vor den Spiegel, umfasste mit beiden Händen meinen Hals und drückte zu. Bis mir schwindelig wurde und ich keine Kraft mehr hatte. Das machte ich öfter.Dann setzte ich mich auf mein Bett und starrte aus dem Fenster. Ich fühlte mich leer und ein bisschen einsam....

1.2.17 14:37, kommentieren

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Der erste Tag in der Klinik

Ich meldete mich sofort im Stationszimmer. Wurde freundlich empfangen, dennoch war es ein seltsames Gefühl. Für mich noch unbekannte Menschen liefen an mir vorbei. Heute weiss ich, es waren Mitpatienten, die gerade vom Frühstück kamen.

Ich musste 5 Minuten warten und wurde dann auch schon von der Stationsärztin geholt. Wir gingen in ihr Büro. Sie redete mit mir kurz, gab eine kleine Einweisung für die kommenden Tage. Wie diese für mich ablaufen würden. Ich bekam von ihr einen Zettel mit etlichen Terminen. Das sah für mich erstmal sehr sehr viel aus...War es aber nicht. Sie erzählte mir noch die wie es in ihrer Gruppenterapie ablaufen würde, was es zu beachten gibt. Unser Gespräch ging 15 Minuten. Dann wurde mir mein Zimmer gezeigt.

Im Zimmer angekommen, überkam mich eine komisches Gefühl. Das Gefühl weinen zu müssen, es aber nicht zu können. War ich traurig? Traurig darüber, am Morgen noch mit meinem Mann gestritten zu haben? Traurig darüber, alleine zu sein? Was war es für ein Gefühl? Ich räumte meinen Koffer aus und setzte mich auf mein Bett. Da klopfte es. Es waren meine Paten. Sie wollte mit mir einen Termin ausmachen, an dem sie mir alles zeigen können. Nun war ich wieder alleine. Ich schauute mir nochmals meine Termine für den Tag an. Vorgespräche für verschiedene Gruppen.- Schwerpunkt dieser Klinik waren Gruppentherapien. Zwei Mal wöchentlich hatten die Patienten Einzeltherapie, der Rest war ausschließlich in der Gruppe. Hierzu zählten Gestaltungstherapie, Körpertherapie, Stabilisationstherapie, TZI (Themenzentrierte Interaktionelle Therapie). Hierfür waren am ersten und zweiten Tag alles Vorgespräche.

Mittags war eine Stationsversammlung. In dieser wurden immer die neuen Patienten begrüßt und die, die in der darauffolgenden Woche gingen verabschiedet. Ohje, ich sollte begrüßt werden. Ich kannte keinen und hatte ziemliche Angst davor.

Um 12 Uhr gab es Mittagessen. Dort ging ich nicht hin. Ich hatte Angst. Angst weil ich niemanden kannte. Ich blieb einfach auf meinem Zimmer und wartete bis die Versammlung war. Jetzt war ich ziemlich aufgeregt. Alle Patienten, Pfleger und Ärzte waren anwesend. Die Begrüßung ging ziemlich schnell. Die Stationsleitung sagte nur meinen Namen und begrüßte mich. Das war es schon. Toll, ich musste mich gar nicht vorstellen. Puh, mir fiel ein Stein vom Herzen.

Der Rest des Tages war ganz entspannt. Ich hatte noch zwei Termine und meine Paten zeigeten mir die ganze Station. Die zwei Mädels waren ziemlich nett. Das freute mich. Schon fühlte ich mich wohler. An diesem Abend lag ich schon um 20Uhr im Bett. Die ganzen neuen Eindrücke machten mich irgendwie fertig.

2 Kommentare 29.1.17 11:25, kommentieren